Adaptives Projekt- & Prozessmanagement.
Erwartungsmanagement. Angewandte Mediation in Unternehmen und Organisationen.
Sonntag, 28. Juni 2026
Dynamisches Organisationsdesign - Ein Organisationsprinzip für komplexe dynamische Systeme
Verhandeln als Organisationsprinzip
Wie Verhandlungskompetenz und dynamisches Organisationsdesign Teams,
Unternehmen und Organisationen trotz möglicher Störungen und Konflikte handlungsfähig
halten.
„Ohne Ihre Visa-Card kann ich Ihnen kein Auto geben. Und es
muß genau die Karte sein, mit der Sie das Auto gebucht haben. Mit einer anderen
Karte kann das System nicht arbeiten.“ Der Urlaub schien gelaufen – ich habe
meine PIN schon 2-mal falsch eingegeben.
Immer wieder lese ich, dass sich Unternehmen beschweren,
dass sie viel zu viele „Daten-Silos“ in ihrer Organisation haben. Gleichzeitig starten
genau diese Unternehmen eine neue KI-getriebene Kampagne zur Automatisierung ihrer
Prozesse.
Was passiert eigentlich, wenn heute immer mehr Prozesse
automatisiert werden? Werden die Systeme immer instabiler, je mehr Prozesse digitalisiert
und automatisiert werden?
Ist das nur ein paradoxes Systemverhalten oder vielleicht
ein Systemfehler?
Fällt Ihnen aus Ihrem Umfeld eine Situation ein, ein
Projekt, dass auf dieses Muster passt?
Stichwort: Neue Apps. Dann schreiben Sie diese Situation oder Störungen
auf. Jetzt. Einfach stichpunktartig. Vielleicht an den Rand der Seite. Am Ende
der Ausführung werden Sie Ihre Situation wahrscheinlich nicht nur anders sehen,
sondern selbst anders lösen können.
Systeme und ihre Grenzen – wie die IT die Komplexität spürbar
macht
Ich setze im Folgenden automatisiert mit automatisch
gesteuert gleich. Das heißt, ich unterscheide zwischen deterministischen technischen
Systemen, die in ihrem Verhalten vollständig modellier- und steuerbar sind und anderen,
sozialen und biologischen Systemen, Menschen, Teams oder Organisationen, die auf
Grund ihrer Dynamik und Komplexität, ihrem Eigenverhalten nicht vollständig
beschreibbar und modellierbar und in der Folge in ihrem Verhalten wohl regelbar
sind, aber nicht steuerbar.
Beide Systeme bedingen einander. Ohne Menschen gibt
es keine technischen/ administrativen Systeme. Ohne technische/ administrative
Systeme, können soziale Systeme ihre Ziele nicht umsetzen. Zusammen bilden sie sozio-/technische
und sozio-/ökonomische Systeme; Projekte, Unternehmen, Teams und Organisationen.
Die Systeme beeinflussen sich gegenseitig, verhalten sich aber unterschiedlich.
Ein zentraler Unterschied zwischen den Systemen liegt darin,
wie sie mit Komplexität und Dynamik umgehen. Technische Systeme lassen sich „einfach“
anpassen. Sie lassen sich durch eine immer tiefere funktionale Differenzierung,
in immer kleinere, eigenständig und hoch effizient steuerbare Teile, Prozesse zerlegen.
Ein Prinzip, dass man lange Zeit auch für komplexe sozio-technische/
ökonomische Systeme, Teams, Organisationen und Unternehmen anwenden konnte.
Solange nämlich, wie diese im Wesentlichen ein „konstantes“ wenig
veränderliches Systemverhalten aufgewiesen haben.
Keine Änderung der Ziele. Keine Änderung der Abläufe. Keine
Änderung der Struktur. Oder wenn doch, dann sehr gering oder für sehr lange
Perioden. Tatsächlich waren in der Vergangenheit sowohl die Komplexität des
Systems (im Sinne der Allverbundenheit) als auch die Dynamik für das
Systemverhalten kaum wahrnehmbare Größen.
Die Prozesse waren die Autorität. Sie gaben das Handeln, die
Ziele, die Abläufe und Strukturen vor. Die Kommunikation konzentriert sich auf
Steuerung der Prozesse.
Ganz anders seit mit der breiten Verfügbarkeit der Rechentechnik
die Möglichkeit besteht, Informationen mit einem Modell, getrennt von dem eigentlichen
Prozess, zu verarbeiten.
Diese Trennung führt dazu, dass sich Modell und System
verschieden verhalten – oder anders gesagt, dass seit mehr als 40 Jahren
unterschiedlichste Projekte immer wieder an den gleichen Fehlern scheitern.
Während die Modelle immer weiter ausdifferenzieren (digitaler Taylorismus),
optimiert und automatisiert werden, werden die psychologischen und
soziologischen Faktoren des Systems (z.B. Motivation, Erwartungen,
Vorstellungen, Ziele, Individualität, … ) weiterhin von den Modellen ignoriert.
Es wird nach wie vor davon ausgegangen, dass das
Managementsystem den Prozess führt - und sich die Beteiligten in ihrem Handeln
daran orientieren. Tatsächlich wird damit die Komplexität des Systems unzulässigerweise
reduziert. Komplexe Abhängigkeiten werden auf einen linearen Prozess mit einem
kausal bestimmtes Handlungsmodell reduziert. Unabhängig davon, wirken die
Abhängigkeiten im System weiter in ihrer Komplexität. Im Ergebnis laufen
geplantes Modellverhalten und tatsächliches Handeln immer weiter auseinander. Mehr
noch, die Zunahme der aus der Digitalisierung resultierenden Dynamik führt
dazu, dass sich die relevanten Zustände in den Prozessen so schnell ändern,
dass die Modelle schon überholt sind, ehe sie in den Managementsystemen
implementiert sind. In der Folge sind Unternehmen und Projekte trotz
hocheffizienter Prozesslösungen als System dann oft nicht oder nur mit sehr
viel zusätzlichen Aufwand steuerbar.
Wie kann man das lösen?
Die Motivations- und Beziehungsebene als „adaptiver Regler“
Ich nenne es, dem Projekt, der Organisation oder dem
Unternehmen die Seele (zurück)geben, seine Relevanz. Ich ergänze das Modell mit
einer zusätzlichen Ebene. Diese Ebene beschreibt die Beziehungen der Menschen,
ihre Ziele, ihre Erwartungen, Bedürfnissen und Vorstellungen, die sie motivieren,
temporär oder dauerhaft zusammenzuarbeiten.
Dazu ergänze ich das Prinzip des funktionalen Differenzierens
mit dem Prinzip der Integration von Motivation und Zusammenarbeit. Anders als
bei Taylor, erweitere ich den Raum für meine Entscheidungen. Ich delegiere die
Verantwortung für das Systemverhalten nicht auf die Organisation mit ihren Prozessen
und Modellen. Ich übernehme selbst Verantwortung für das Systemverhalten und damit
für die Ergebnisse des Systems. Das heißt, ich versuche, statt „nur“ das
Verhalten der Prozesse zu steuern, das Verhalten des Systems im Ganzen zu
regeln.
Dazu betrachte ich Unternehmen, Organisationen und Teams als lebendige sozio-ökonomische/ sozio-technische Systeme. Wir sind es, die Menschen, die dem System seinen Sinn – und seine Komplexität geben. Deshalb sind Komplexität und Dynamik des Systems aus meiner Sicht auch keine Bedrohung. Sie sind eine Ressource. Und diese kann ich ganz bewusst und gezielt nutzen.
Ganz nach dem Modell der TZI von Ruth Cohn, die in
bemerkenswerter Weise die verschiedenen Elemente des Systems, Personen, die
verbindende Sache und den Rahmen, den Kontext kontinuierlich mit der
Komplexität des Gesamtsystems in Relation stellt.
Bild 1: Vom statischen Projektmanagement zum dynamischen Organisationsdesign
Technisch heißt dass, das man bestehende Managementsysteme
und Modelle, agil, hybrid oder traditionell („Wasserfall“) dazu im Sinne eines
adaptiven Reglers mit einem kontinuierlichen Feedbackprozess ergänzt und so die
Motivations- und Beziehungsebene direkt in das System integriert. Anders als
bei Taylor erhöhe ich damit die Komplexität des Systems.
Dabei wird das Handeln auf der überwiegend emotional
gesteuerte Motivations- und Beziehungseben des Systems von den „Teilen“ des
Systems gesteuert, die selbst komplexe (bio-chemische) Systeme sind und mit den
zur Regelung der Zusammenarbeit relevanten Zustandsgrößen sicher umgehen
können: den Menschen mit ihrem Eigenverhalten, ihren Bedürfnissen und Emotionen.
Auf der rationalen, kausal-bestimmten Sach- und Prozessebene
werden die Prozesse des Systems unabhängig von der Motivation der Beteiligten, weiterhin
mit den bekannten oder auch mit neuen Managementsystemen und Modellen gesteuert
und ggf. auch automatisiert. Auf der Sach- und Prozessebene bietet es sich an, in
der Systemarchitektur zwischen daten- und handlungsorientierten Prozessmodellen
zu unterscheiden.
Bild 2: Elon Musk zu der gravierenden Fehlplanung in der Produktion des Tesla Model 3.
Daten und Informationen sind noch kein Handeln
Während die Struktur der datenorientierten Modelle
weitestgehend standardisiert (z.B. STEP) und damit über die Zeit „konstant“ ist,
braucht die handlungsorientierte Prozessebene eine einfache, hochflexible
Struktur, um mit den Daten den Veränderungen im Kontext flexibel folgen und so die
Daten dem Prozess richtig zuordnen zu können. Das ist Aufgabe der Informationen.
Sie beschreiben die Verbindung zwischen Daten und Anwendung und letztlich zwischen
Anwendung und Motivation und Handeln. Ein
Prozess, der auf Grund der Komplexität, der individuellen Wahrnehmung und
Wertung (Interpretation und Wissen) an die beteiligten Personen gebunden ist
und so nicht modelliert und automatisiert werden kann. Hier stoßen die
Automatisierung und KI an ihre Grenzen. Wissen ist kein Handeln. Erst mit der notwendigen
individuellen Motivation kann aus Information Wissen und aus dem Wissen Handeln
werden.
Dieses Handeln kann allerdings durch einen kontinuierlichen Feedbackprozess,
ergänzend zu den Prozessen und Modellen der Managementsysteme sichergestellt
werden: Bei Unsicherheiten im Prozess kommunizieren sie synchron, reden oder
telefonieren die Beteiligten dabei direkt miteinander – nur, wenn es
nicht anders geht, verabreden sie sich asynchron - zu einem synchronen Termin. Im
Ergebnis sind die Beteiligten damit von einzelnen Managementsystemen unabhängig,
können aber mit ihrem Managementsystem Prozessabweichungen oder Änderungen –
temporär oder auch dauerhaft - folgen.
Wenn ich das zusammenfasse, habe ich in der Summe ein
Vorgehensmodell zur Regelung der Zusammenarbeit für die unterschiedlichsten komplexen
Systemen: eine rationale Steuerungs- und Modellebene, eine Kommunikations- und
Handlungsebene und eine emotional gesteuerte Motivations- und Beziehungseben,
den Rahmen für ein „Dynamisches Organisationsdesign“.
Verhandlungskompetenz: der Schlüssel zu Kooperation und
Handlungsfähigkeit
Im Ergebnis heißt das, dass ich das Verhalten des Systems direkt
durch das Handeln der Beteiligten, unabhängig von ihrem Verhalten und den verwendete
Management-Methoden und Systemen regele. Dazu unterscheide ich zwischen
Verhalten und Handeln. Das Verhalten (intrinsisch motiviert) anderer kann und
will ich nicht beeinflussen, ihr Handeln (bewusstes ziel- und ergebnisorientiertes
Verhalten) schon. Ich kann und muss sie um ein anderes spezifisches Handeln
bitten (ggf. fordern). Das kann und wird zu Widerspruch und Konflikten führen.
Mit entsprechenden handlungsrelevanten Kompetenzen
(Konfliktlösungs- & Verhandlungs-kompetenzen) kann ich diese Störungen
direkt, in dem Moment, in dem sie auftreten erkennen und lösen. Mehr noch,
durch die Anwendung von Hypothesen, kann ich das Handeln der anderen,
mögliche Widersprüche oder Unterstützung vorwegnehmen und im Prozess
nachsteuern, noch ehe sich die Störung auf die Arbeit in der Sache auswirkt.
Mit der notwendigen Verhandlungskompetenz lassen sich auch in schwierigsten Situationen eine Eskalation und damit unnötige Zusatzkosten und Aufwände vermeiden. Sie erlaubt Verzögerungen, die oft über Monate angedauert haben, innerhalb weniger Stunden dauerhaft zu lösen und die Projekte erfolgreich weiterzuführen und abzuschließen. (siehe Tabelle)
Tabelle 1: Ergebnisse handlungsorientierter Kommunikation (Verhandlungsführung)
Verhandeln als universelles Organisationsprinzip
In diesem Sinn ist das „dynamische Organisationsdesign“ ein
Vorgehen, eine Methode, die in vielen Bereichen des Zusammenlebens und der
Zusammenarbeit eingesetzt werden kann: Bei jeder Form von Verhandlungen, bei Führungs-
und Entscheidungsprozessen, in Einkaufs- oder Verkaufsprozessen, auf
Baustellen, bei Nachtragsverhandlungen, im Projekt- und Prozessmanagement, in
Change-Projekten bis hin zur Streit- und Konfliktlösung auf den
unterschiedlichsten Ebenen.
Dabei ist das Prinzip immer das gleiche: ich ermögliche
den Beteiligten, direkt miteinander zu kommunizieren. Miteinander zu
verhandeln. Den anderen zu einem anderen Handeln zu motivieren. Ohne
Vorbedingung. Direkt aus der Situation heraus. Nicht sein Verhalten zu ändern.
Das irritierende ist, dass in Verhandlungen nicht in der Sache
über das weitere Handeln entschieden wird, obwohl uns die Sache in der
Zusammenarbeit und im Zusammenleben verbindet.
Die Sache, das Fachliche ist oft „Mittel zum Zweck“, zum Erreichen,
Erfüllen oder Durchsetzen von Interessen, Bedürfnissen, Erwartungen und Vorstellungen.
Entscheidend ist die individuelle Motivation zu kooperieren oder eben nicht. Und
diese hängt maßgeblich von der individuellen Wahrnehmung ab. Von der
Wahrnehmung, wie gut ein zukünftiges Handeln dazu beiträgt die eigenen
Bedürfnisse, Erwartungen und Vorstellungen zu erfüllen (und/ oder deren Defizite
und Verletzungen auszuräumen) oder nicht.
Ausdruck der Wahrnehmung und individuellen Bewertung sind die
Emotionen. Emotionen sind dabei der Teil der Kommunikation, der im beruflichen
Alltag nicht nur nicht beachtet, der oft genug bewußt ignoriert, ausgeklammert
wird. „Bleib doch bitte bei der Sache!“ „Emotionen haben hier nichts zu
suchen!“
Emotionen sind das, was Ruth Cohn mit Störungen beschreibt:
Störungen gegenüber der individuellen Grundmotivation der einzelnen
Beteiligten. „Störungen haben Vorrang. Sie fragen nicht nach Erlaubnis, sie
sind da: als Schmerz, als Freude, als Angst, als Zerstreutheit; die Frage ist
nur, wie man sie bewältigt.“ (Ruth C. Cohn, Von der Psychoanalyse zur
Themenzentrierten Interaktion, Klett Cotta Verlag, 16. Auflage, S.122)
Bild 3: Störungen haben Vorrang
Wenn Emotionen also da sind, ist die Frage, wie kann ich sie
nutzen? Wie gehe ich damit um? Wie erkenne ich sie?
Ich ergänze dazu die Kommunikation in den bestehenden kausal
definierten Managementsystemen der Prozess- und Sachebene mit einem
kontinuierlichen handlungsrelevanten Feedbackprozess. Mit anderen Worten, ich verbinde
die rationale Sachebene mit der komplexen, sinngebenden und emotional wirkenden
Motivations- und Beziehungsebene der Menschen, die das System bildenden. Das
schafft „strukturell“ die Möglichkeit, bestehende oder mögliche Konflikte weg
von den Personen und Emotionen, hin zu einem „suchen nach einem Weg zum Erfüllen
der Bedürfnisse“ umzuleiten und so (wieder) miteinander sprechen zu können.
Der „Trick“: Das „Ausweichen“ in der Kommunikation auf
universell gültige Bedürfnisse (z.B. Autonomie, Fairness,…, Zugehörigkeit) verhindert,
dass die Aussagen von den anderen als Angriff auf ihre Person gewertet werden. Das
erlaubt aus jeder Situation heraus die Interessen, die Erwartungen,
Vorstellungen und Bedürfnisse der anderen anzuerkennen und gleichzeitig, wenn
nötig, den Weg, die Methoden, wie diese erreicht werden sollen in Frage zu
stellen - ohne die Gefahr unnötiger Eskalation oder Zugeständnisse. Im Ergebnis
bitte oder fordere ich die anderen um ein anderes Handeln und umgekehrt, sie
mich. Damit lassen sich Streitigkeiten vermeiden oder hocheskalierte Konflikte innerhalb
kürzester Zeit deeskalieren, so dass diese nicht auf die Sachebene eskalieren
und dort die Arbeit behindern oder blockieren. (siehe Tabelle1)
Bild4: Verhandeln als Organisationsprinzip
Probieren Sie es selbst. Zeichnen Sie die von Ihnen zu
Beginn beschriebene Situation in das Bild ein und prüfen Sie, welche Ziele und
Ergebnisse die Beteiligten in der Situation verfolgen. Sie werden staunen, wie
viele Daten und Fakten sie tatsächlich kennen – und bisher im Tagesgeschäft
dann doch bewußt oder unbewußt ignoriert und nicht genutzt haben.