Gerade habe ich folgende E-Mail bekommen:
„Lieber Thomas, leider verzögert sich die Auslieferung
deiner Bestellung (Auftragsnummer: ...) Wir bitten um etwas Geduld… Du kannst
Dein Paket jederzeit hier verfolgen: <Sendungsverfolgung>….“. Nur beim
Logistiker ist die Sendungsnummer unbekannt, obwohl mir gestern noch der morgige
Tag vom Hersteller als Liefertermin verbindlich zugesagt wurde.
Offensichtlich haben die Prozesse des Logistikers und des
Herstellers ein Eigenverhalten – jeder seins und dass zulasten des Gesamtsystems.
Ist das ein
System- oder Architekturfehler?
Komplexität und Dynamik in Digitalisierungs-
und Transformationsvorhaben
Die Summe zweier hoch effizienter KI-unterstützter Lösungen ergibt
nicht zwingend ein neues hocheffizientes System. Im Gegenteil.
Beide IT-Lösungen arbeiten mit ihrem spezifischen
Prozessmodell: einer individuellen, aufgaben- und ablaufspezifischen (deterministischen)
Sicht auf den auszuführenden Prozess. Jeder hat seine individuellen Ziele. Dabei
werden die Prozesse und Modelle zunehmend weiter ausdifferenziert, um den zur
Lösung der Aufgabenstellung notwendigen Prozess vollständig abbilden und damit
steuern zu können. Die Modelle entkoppeln die Informations- und
Kommunikationsprozesse, von den physischen Prozessen, der Zeit und dem
eigentlichen Systemverhalten. Der Bezug zum Kontext, zum System selbst, wird so
immer weiter ausgeklammert. Oftmals bewusst, weil das Systemverhalten in einem
separaten Management-prozess gesteuert werden soll. Die Prozesse und ihre
Steuerung verselbständigen sich.
Die Modelle sind nicht das System. Und sie verhalten sich auch
nicht wie das System. Wahrscheinlich ist es dem Prozessmanagement gar nicht
bewusst, dass sie mit den Modellen die Steuerbarkeit „ihrer“ Prozesse und die
Regelbarkeit des Systems unterlaufen. Zumal sie oft gar nicht mehr den Bezug
zum System sehen und/ oder verantworten.
Anders als die aus dem System als Prozess herausgelösten
Aufgabenstellungen mit ihren abgeschlossenen deterministischen Modellen, sind
die realen Systeme in aller Regel komplexe dynamische Systeme. Das heißt, das
System weist ein emergentes Eigenverhalten auf. Es ist nicht vollständig
beobachtbar und nicht vollständig modellierbar und in der Folge, nicht (oder
nur unter sehr eingeschränkten Bedingungen) steuerbar.
Mit anderen Worten, der Glaube, die Komplexität des Systems auf
eine Menge von definierten Prozessen reduzieren und diese mit einem
übergeordneten Managementprozess nach einem vorgegebenen Plan steuern zu können,
ist ein Denkfehler. Ein Plan spiegelt das Verhalten eines Modells, eines Prozesses,
nicht aber das tatsächliche Systemverhalten in seiner Komplexität.
Die Folgen sind bekannt: So erfolgreich die Implementierung
/ Digitalisierung einzelner Prozesse erfolgt, so sehr scheitern prozessübergreifende
Digitalisierungs-/ Transformationsprojekte. Heute wird dieses Phänomen gern als
Paradoxon bezeichnet.
Meines Erachtens ist das kein Paradoxon, sondern ein
Architekturfehler, wenn man versucht, ein komplexes dynamisches System auf ein deterministisches
Modell zu reduzieren und zu steuern.
Dabei spielt die Dynamik m.E. eine besondere Rolle. Das
heißt, mit der breiten Verfügbarkeit von IT- und KI untergraben diese
Technologien selbst die Beobachtbarkeit, die Modellierbarkeit und im Ergebnis
die Steuerbarkeit der Prozesse und damit die Regebarkeit des Systems.
Durch die Entkopplung der Informationen und Prozesse von dem
eigentlichen System und den physischen Prozessen, werden immer öfter bestehende
Modelle und Pläne, die Planungen neuer Vorhaben oder auch die Vorhaben selbst in
Frage gestellt, bevor sie modelliert, geplant und/ oder umgesetzt werden
können. Nicht selten drohen, ganze Systeme, Teams, Unternehmen und Organisationen,
unter den schnellen und umfassenden Datenmengen zu kollabieren. Immer öfter
treten Situationen auf, in denen sich die Daten und Informationen der
verschiedenen IT-Systemen widersprechen, nicht eindeutig oder gar nicht
verfügbar sind.
Dynamisches Organisationsdesign
Nur, das war nicht immer so. Der prinzipielle Unterschied
heutiger Lösungen zu denen „davor“, besteht wohl darin, dass die Kommunikation,
der Daten- und Informationsfluss unmittelbar an den Prozess und damit an das
System gekoppelt waren. Mit anderen Worten, es gab keine signifikante Differenz
zwischen der Dynamik der Prozesse und der Dynamik des Systems. Der Ausgleich
erfolgte durch einen implizit definierten „Feedbackprozess“. Die Folgen
emergenter Ereignisse, unvorhergesehener Systemzustände, die auf die Komplexität
des Systems zurückgeführt werden konnten, konnten so direkt dem Ereignis
zugeordnet werden. Das System verhielt sich „quasi-deterministisch“/ kausal. Während
die Zustandsinformationen aus dem Prozess als Feedback zur Regelung des
Systemverhaltens genutzt werden konnten, konnte das Prozessverhalten im Sinne
einer adaptiven Reglung durch die Impulse aus dem System nachgesteuert werden. Damit
war eine robuste und weitestgehend ziel- und ergebnisgenaue Regelung der
Systeme, ein „dynamisches Organisationsdesign“ möglich.
Damit ergibt sich die Frage, kann man die Architektur
moderner Managementsysteme auch so gestalten, dass sie ähnlich zu den „früheren
Managementsystemen“ das angestrebte System-verhalten dynamisch an mögliche
Störungen und Veränderungen anpassen? Ist ein dynamisches Organisationsdesign
auch heute möglich? Wie kann ich die Prozesse ins System „zurückholen“? Und,
wenn ja, wie sieht es aus und welche Ergebnisse belegen seine
Funktionsfähigkeit?
Verhandeln als Organisationsprinzip
Tatsächlich lässt sich das dynamische Organisationsdesign
mit wenigen Schritten und ohne technologischen Eingriff in die Architektur der Managementsysteme
umsetzen.
Der größte Unterschied zu den bestehenden Managementsystemen
besteht wahrscheinlich darin, dass ein zusätzlicher Kommunikations- und
Feedbackprozess in das System integriert wird. Der Vorteil: Sie können das
Organisationsdesign unmittelbar, ohne Änderung, auf ihre bestehende Architektur
und Infrastruktur aufbauen. Es reicht, ihre bestehenden Management-systeme mit
einer zusätzlichen Kommunikationsebene zu ergänzen und auf dieser
kontinuierlich „mögliche Störungen in der Motivation der Beteiligten zur
Zielerreichung/ Zusammenarbeit“ zu messen und an das System, die anderen
relevanten Prozesse, zu kommunizieren.
Anders als bisher, sind mögliche Konflikte in den Teams keine Störungen, sondern Impulse, die Prozesse zu überprüfen und ggf. das Handeln der Beteiligten an die Veränderungen anzupassen.
Genau hier liegt das Problem: Dazu muss man sich auf die Menschen im System einlassen, auf deren Widersprüche und Konflikte. Man muss den Umgang damit lernen. Dabei ist die Technik dafür kein Hexenwerk: Unterscheiden Sie zwischen „Sein“ und „Handeln“ der Beteiligten. Während man das Sein nicht oder nur mit sehr viel Aufwand ändern kann, können Sie das Handeln mit den notwendigen Verhandlungs- und Konfliktlösungskompetenzen ad hoc ändern. Mit anderen Worten, Verhandlungs- und Konfliktlösungskompetenz werden zum Organisationsprinzip.
Wenn Sie mehr dazu wissen wollen, lesen sie dazu das
Whitepaper „Dynamisches Organisationsdesign – Verhandeln als
Organisationsprinzip, oder wie bleiben Unternehmen Teams und Organisationen
trotz Komplexität und zunehmender Dynamik handlungsfähig?“
Schreiben Sie einfach „DynOrg“ in die Kommentare.

